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Palast der (Alb-)Träume – Bücherschau zum 80. Geburtstag von Ismail Kadare

1. August – 30. September 2016
In der Reihe „kOSTproben“

Plakat zur Kabinettpräsentation „Palast der (Alb-)Träume – Bücherschau zum 80. Geburtstag von Ismail Kadare“ | © BSB

„Wir stützten uns, indem wir zu schreiben versuchten, als ob es das Regime nicht gab. Manchmal trugen wir den Sieg davon, manchmal nicht. Was uns glücklich machte, war die Idee, dass wir unseren geknechteten und abgeschotteten Mitbürgern ab und zu etwas geistige Nahrung verschaffen konnten.“ (Ismail Kadare, erster Gewinner des „Man Booker International“-Preises“ im Jahr 2005 in seiner Preisrede)

Zur Person

Der wohl bedeutendste zeitgenössische albanische Schriftsteller (*28. Januar 1936) vermittelt wie kein Zweiter die Mythen und historischen Wirrnisse seiner im westlichen Europa auch fast 26 Jahre nach Ende der Sozialistischen Volksrepublik immer noch kaum bekannten Heimat. Geboren wurde Ismail Kadare im südalbanischen Gjirokastër, demselben Ort, in dem 1908 der spätere albanische kommunistische Diktator Enver Hoxha zur Welt gekommen war. Über seine Heimatstadt wird er später in seinem Werk „Chronik in Stein“ schreiben: „Es war dies eine seltsame Stadt, die anmutete, als sei sie in einer Winternacht wie ein vorzeitliches Wesen plötzlich im Tal aufgetaucht und habe dann, unter großen Mühen emporklimmend, sich an den Abhang des Berges geschmiegt.

Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Errichtung einer kommunistischen Diktatur in Albanien studierte Kadare in den 1950er Jahren Literatur in der Hauptstadt Tirana und in Moskau. Im Herzen der Sowjetunion lernte er das System der Heranziehung systemkonformer Schriftsteller im Sinne des „Sozialistischen Realismus“ kennen und hassen. Als 1960/61 Enver Hoxha mit der Sowjetunion brach, da er die Entstalinisierung Chruschtschows ablehnte, musste der junge Schriftsteller in seine Heimat zurückkehren. Verschiedentlich verarbeitete Kadare in der Folge das Thema „Isolation“, das seinen Alltag zutiefst prägte, in literarischer Form: Nachdem das kommunistische Albanien mit Jugoslawien, der Sowjetunion und schließlich auch China gebrochen hatte, stand es ab 1978 ohne jeden Verbündeten da und zeigte mit der Errichtung von hunderttausenden Bunkern trotzig Verteidigungsbereitschaft gegen alle Welt.

Kadares Lebensthema jedoch ist das Individuum in den Fängen totalitärer Herrschaft. Seine hintergründigen Erzählungen und Romane verlegt er meist in die ältere Geschichte und die Sagenwelt Albaniens. Als einer von ganz wenigen albanischen Schriftstellern wurde Kadare schon zu Zeiten des Kommunismus auch in westliche Sprachen übersetzt. Am vollständigsten liegt sein Werk in französischer Sprache vor. Auch auf Deutsch und Englisch wurden viele seiner Bücher veröffentlicht. Seit den 1970er Jahren wurde er geradezu begeistert im Westen rezipiert – in Paris hungerte man nach originellen Talenten jenseits des „Eisernen Vorhangs“. Als Vorzeige-Schriftsteller genoss Kadare auch das Privileg von Auslandsreisen. So bewegte er sich bis zum Ende der Diktatur zwischen den Extremen von Kaderposition und Publikationsverbot, Anpassung und Non-Konformismus. Ende 1990 beantragte der Schriftsteller mit seiner Familie politisches Asyl in Frankreich.

Seitdem ist Kadare weiterhin rastlos tätig. Er veröffentlichte Romane, in denen er sich offen mit den Schrecken des Totalitarismus auseinandersetzte. Zudem trat er mit Essays an die Öffentlichkeit, die sich dem Vorwurf des Mitläufertums unter der Hoxha-Diktatur entgegenstellten oder sich Problemen der albanischen Identität, konkreten politischen Ereignissen bisweilen aber auch literarischen Themen widmeten.

Zur Kabinettpräsentation

Aus Anlass seines Jubiläums widmet die Bayerische Staatsbibliothek dem Autor eine kleine Bücherschau in der Reihe „kOSTproben“. Gezeigt werden Originale und Übersetzungen aus Kadares langem vielfältigem Schaffen. Im Eingangsbereich zum Ostlesesaal wird auf zwei Hängetafeln in deutscher Sprache ein Überblick über die wichtigsten Stationen im Leben und Werk Ismail Kadares gegeben. Begleitend dazu wird in zwei Vitrinen eine kleine Bücherschau aus den Beständen der Bayerischen Staatsbibliothek in Originalen und Übersetzungen gezeigt. Die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) besitzt neben den ausgestellten Stücken einen umfassenden Bestand an Primär- und Sekundärliteratur von und über Ismail Kadare auf Albanisch, in allen westlichen und vielen weiteren Sprachen. Die Bibliothek stellt diese Literatur zur Bestellung im Katalog und zur Fernleihe zur Verfügung.

Titelliste und Werkbeschreibungen  (PDF, 62 KB)

 

Ort Bayerische Staatsbibliothek
Eingangsbereich des Ostlesesaals  (3. OG)
Öffnungszeiten 1. August – 30. September 2016
August:   Montag – Freitag   9:00 – 12:30 Uhr   (am 15. August geschlossen)
September:   Montag – Freitag   9:00 – 17:00 Uhr
Eintritt Der Eintritt ist frei.
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