Katalogisierung der illuminierten Handschriften französischer Provenienz der Bayerischen Staatsbibliothek München

FörderungDeutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Erste Projektphase01.10.2013 – 31.12.2018
Zweite Projektphase01.10.2018 – 30.09.2021
KontaktadresseDr. Carolin Schreiber
carolin.schreiber@bsb-muenchen.de

Projektbearbeiterin:
Dr. Ulrike Bauer-Eberhardt
ulrike.bauer-eberhardt@bsb-muenchen.de

Erste Projektphase

Die Bayerische Staatsbibliothek verfügt über einen herausragenden Bestand von etwa 425 mittelalterlichen Handschriften, die in Frankreich und den benachbarten Regionen (Belgien, Niederlande, England und Spanien) mit Buchmalerei ausgestattet wurden. Sie stammen aus der Zeit zwischen dem späten 10. und dem frühen 16. Jahrhundert und finden sich in mehreren Fonds der Bayerischen Staatsbibliothek: vorwiegend unter den lateinischen Handschriften (Codices latini Monacenses = Clm) und den französischen Handschriften (Codices gallici), daneben auch unter den deutschen (Codices germanici Monacenses = Cgm), anderen romanischen (z. B. Codices hispanici) und englischen (Codices anglici) Handschriften. Gelegentlich enthalten auch frühe Drucke als Einbandmakulatur Fragmente von Handschriften mit französischer Buchmalerei oder wurden Inkunabeln von Buchmalern aus dieser Region künstlerisch ausgestattet.

Trotz der Bedeutung des Münchner Bestands ist bisher keine systematische wissenschaftliche Beschreibung und kunsthistorische Analyse erfolgt. Der internationalen kunsthistorischen Forschung sind daher nur Einzelstücke bekannt. Zu den Codices von herausragender künstlerischer Qualität gehört eine Handschrift aus der Bretagne mit einer französischen Übersetzung des „Liber De casibus virorum illustrium et de mulieribus claris“ von Giovanni Boccaccio (Cod.gall. 6), die 1458 in der Werkstatt des Jean Fouquet illuminiert wurde. In den Niederlanden entstand die malerische Ausstattung von zwei Stundenbüchern mit Miniaturen des Simon Bening (Clm 23637 und Clm 28345) und vom Gebetbuch der Prinzessin Sibylle von Cleve (Cgm 84, um 1527). Auch zwei englische Psalter-Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts, der „Goldene Münchner Psalter“ (Clm 835) und der „Isabella-Psalter“ (Cod.gall. 16) sind zu nennen.

Giovanni Boccaccio: Liber De casibus virorum illustrium et de mulieribus claris  (Cod.gall. 6)
Gebetbuch der Prinzessin Sibylle von Cleve  (Cgm 84)
Goldener Münchner Psalter  (Clm 835)
Isabella-Psalter  (Cod.gall. 16)

In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt werden seit 2013 in einer ersten Arbeitsphase von fünf Jahren die etwa 250 Handschriften des 10. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts nach den DFG-Richtlinien von Ulrike Bauer-Eberhardt erschlossen. Die Ergebnisse werden in einer Printpublikation und im Internet im Open Access zugänglich gemacht.

Das Projekt setzt die Reihe der Kataloge der illuminierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek fort und schließt an den zweiteiligen Katalog der illuminierten Handschriften italienischer Herkunft an, den Ulrike Bauer-Eberhardt 2011 und 2014 vorlegte. Seit den 1980er Jahren wurden zunächst die Codices aus dem deutschsprachigen Raum kunsthistorisch analysiert und beschrieben. Publiziert wurden Beschreibungen der vorkarolingischen und karolingischen Handschriften (Katharina Bierbrauer, 1990), der ottonischen Handschriften (Elisabeth Klemm, 2004), der romanischen Handschriften (Elisabeth Klemm, 1980 und 1988), der Handschriften des dreizehnten Jahrhunderts (Elisabeth Klemm, 1998) und der gotischen Handschriften bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts (Béatrice Hernad, 2000). Der achte Band der Katalogreihe gilt dem Fonds der Codices iconographici, einer Sammlung von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bilderhandschriften mit nur geringem Textanteil (Marianne Reuter, 2013).

Zweite Projektphase

Am 12. Juli 2018 wurde ein weiteres Tiefenerschließungsprojekt des Handschriftenzentrums bewilligt: „Mittelalterliche Handschriften: Katalogisierung der illuminierten Handschriften französischer Provenienz der Bayerischen Staatsbibliothek München. Teilprojekt 2: Handschriften des 15. und frühen 16. Jahrhunderts”. In einer Projektlaufzeit von 3 Jahren kann somit die Tiefenerschließung der illuminierten Handschriften nicht-deutscher Herkunft abgeschlossen werden.

Neben umfangreichen Beständen an lateinischen und volkssprachigen Handschriften, die im deutschen und italienischen Kulturraum mit Buchmalerei ausgestattet wurden, verwahrt die Bayerische Staatsbibliothek auch einen im Vergleich zu anderen deutschen Institutionen herausragenden Bestand mittelalterlicher Handschriften mit Buchmalerei französischer Provenienz. Einschließlich der Handschriften aus den – wegen der Mobilität der Künstler und Codices nicht immer abgrenzbaren – Nachbarregionen (Spanien, England) umfasst der einschlägige Münchner Bestand insgesamt 437 Codices. Neben dem bedeutenden und bekannten Goldenen Münchner Psalter (Clm 835) aus Oxford aus dem 1. Drittel des 13. Jahrhunderts umfasst der Fonds zum Beispiel auch 35 aus den verschiedenen bayerischen Klöstern in den Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek gelangten französischen Bibeln des 13. Jahrhunderts, die aufgrund ihres kleinen Formats auch als Taschenbibeln bezeichnet werden.

In der ersten Projektphase wurden davon 293 Codices bearbeitet. Dabei handelt es sich um Handschriften, die zwischen dem späten 10. und dem Ende des 14. Jahrhunderts in Frankreich entstanden sind, sowie alle englischen und spanischen illuminierten Handschriften.

Im nun beantragten zweiten und letzten Teilprojekt sollen in einer abschließenden Phase von drei Jahren die verbleibenden 144 Handschriften des 15. und frühen 16. Jahrhunderts französischer Provenienz sowie illuminierte Handschriften benachbarter Regionen (Belgien, Niederlande) in gleicher Weise nach den entsprechenden DFG-Richtlinien von der erfahrenen Bearbeiterin, Dr. Ulrike Bauer-Eberhardt, erschlossen werden. Es ist vorgesehen, die Ergebnisse in einer Printpublikation und im Internet im Rahmen von Open Access zugänglich zu machen.

Mit Buchmalerei ausgestattete Handschriften stellen für die Kunstgeschichte ein zentrales Quellencorpus dar, da sie in erheblich größerer Zahl erhalten geblieben sind als andere zweidimensionale künstlerische Objekte des Mittelalters wie zum Beispiel Fresken oder Tafelgemälde. Illuminierte Codices sind aber auch für andere mediävistische Disziplinen, angefangen von der Geschichtswissenschaft, der Theologie und den Philologien bis hin zu Fachrichtungen wie der Medizin- und Rechtsgeschichte von hoher Relevanz, denn sie ermöglichen über die reine Funktion als Vermittler textlicher und visueller Informationen hinaus vielfältige Erkenntnisse über Rezeptionsinteressen, Ausstattungsniveaus und Text-Bild-Zusammenhänge. Die vertiefte Beschreibung illuminierter Handschriften, zum einen in Bezug auf ihre kunsthistorische Einordnung aufgrund entstehungs- und stilgeschichtlicher Merkmale und zum anderen in Bezug auf ihre inhaltlichen und ikonographischen Bedeutungsebenen, hat sich daher als Verfahren der systematischen Quellenerschließung bewährt und stellt eine solide Grundlage für die weitere wissenschaftliche Auswertung – auch über den spezialisierten Kreis der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker hinaus – zur Verfügung.

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