Mittelalter

Überblick

Von den mehr als 100 000 Handschriften im Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek stammen gut 17 000 aus dem Mittelalter. Der Schwerpunkt liegt hierbei deutlich auf dem Bereich der lateinischen Handschriften (Codices latini monacenses – Clm) mit rund 14 000 im Mittelalter entstandenen Textzeugnissen. Dies ist unter anderem auch der Tatsache geschuldet, dass sich darunter gut 3 000 Fragmente befinden, die überwiegend aus Pergamenthandschriften entnommen sind. Der zweitgrößte mittelalterliche Fonds ist der der deutschsprachigen Handschriften (Codices germanici monacenses – Cgm) mit mehr als 1 600 Einheiten. Orientalische und asiatische Handschriften sind demgegenüber mit etwa 1 000 Exemplaren deutlich seltener.

Frühmittelalter

Breviarium Alarici | © BSB/Clm 22501
Breviarium Alarici | © BSB/Clm 22501
Codex aureus | © BSB/Clm 14000
Codex aureus | © BSB/Clm 14000
Prolog zum Markus-Evangelium – Codex aureus von St. Emmeram | © BSB/Clm 14000
Prolog zum Markus-Evangelium – Codex aureus von St. Emmeram | © BSB/Clm 14000
Freisinger Denkmäler | © BSB/Clm 6426
Freisinger Denkmäler | © BSB/Clm 6426
Heliand | © BSB/Cgm 25
Heliand | © BSB/Cgm 25
 

Die älteste Codex-Handschrift im Bestand der Bibliothek stellt das sogenannte Breviarium Alarici (Clm 22501), ein zu Beginn des 6. Jahrhunderts in Südfrankreich entstandener Rechtstext, dar, der auch paläographisch als Beispiel für die Unzialschrift von Interesse ist. Ebenfalls aus dem 6. Jahrhundert stammt die Urschrift des Palimpsests eines Pentateuchs in Clm 6225. Im 7. Jahrhundert wurde der Codex Valerianus (Clm 6224) geschrieben. Einen Schwerpunkt bilden die annähernd 500 in karolingischer Zeit (8./9. Jahrhundert) entstandenen Handschriften und Handschriftenfragmente, die sich bis zur Säkularisation unter anderem im Besitz der Freisinger Dombibliothek befanden und in den Jahren 2010 bis 2012 im Rahmen des EU-Projekts Europeana regia digitalisiert werden konnten. Prominente Stücke hierunter sind etwa die Freisinger Denkmäler (Clm 6426) und der Codex aureus aus dem Regensburger Benediktinerkloster St. Emmeram (Clm 14000, entstanden um 870 an der Hofschule Karls des Kahlen), der als höchstrangige abendländische Handschrift in den Sammlungen der Bayerischen Staatsbibliothek gilt. In dieser Zeit entstand auch eine der ältesten deutschsprachigen Handschriften, nämlich der auf Altsächsisch abgefasste Heliand (Cgm 25).

Breviarium Alarici  (Clm 22501)
Codex Valerianus  (Clm 6224)
Palimpsest eines Pentateuchs  (Clm 6225)
Freisinger Denkmäler  (Clm 6426)
Codex aureus von St. Emmeram  (Clm 14000)
Heliand  (Cgm 25)

EU-Projekt Europeana regia

Die im Mittelalter vorherrschende Buchform war die des gebundenen Buches (Codex), in der Regel auf Pergament, ab Mitte des 14. Jahrhunderts auch zunehmend auf Papier. Indessen verwahrt die Bayerische Staatsbibliothek mit dem Clm 44 das ganz seltene Beispiel eines mittelalterlichen Papyrus-Codex mit Abschriften von Urkunden über Grundstücksschenkungen an die Kirche von Ravenna aus der Zeit vom frühen 7. bis zum späteren 10. Jahrhundert.

Codex traditionum ecclesiae Ravennatis  (Clm 44)

Hochmittelalter

Im Bereich des Hochmittelalters sind an vorderster Stelle die im kaiserlichen Auftrag in dem Reichenauer Scriptorium für den Bamberger Dom entstandenen Meisterwerke der Buchkunst zu erwähnen, die aus diesem Grunde auch in das UNESCO Weltdokumentenerbe (Memory of the World) aufgenommen worden sind, so etwa das Evangeliar Kaiser Ottos III. und das Perikopenbuch Heinrichs II. (Clm 4452 und Clm 4453). Weitere Glanzlichter der Buchmalerei aus ottonischer, salischer und staufischer Zeit wurden 2012/2013 in der Ausstellung „Pracht auf Pergament“ einem größeren Publikum bekannt gemacht.

UNESCO Weltdokumentenerbe (Memory of the World)
Pracht auf Pergament

Spätmittelalter

Das europäische Spätmittelalter schließlich bietet eine derartige Fülle an sowohl textlich wie im Hinblick auf die Buchmalerei interessanten Handschriften, dass eine besondere Auswahl und Schwerpunktsetzung schwerfällt. Unbedingt zu nennen sind hier sicherlich einige Spitzenstücken der Buchmalerei des 15. Jahrhunderts, wie das Salzburger Missale (Clm 15708 – 15712) bzw. der nach dem Miniaturmaler Berthold Furtmeyr benannten Furtmeyr-Bibel oder der Ottheinrich-Bibel (Cgm 8010 und Cgm 8010 a). Eine besondere kleine Sammlung stellen die ehemals im Besitz des ungarischen Königs Matthias Corvinus befindlichen Bücher, die sogenannten Corvinen, dar, die ebenfalls zum UNESCO Weltdokumentenerbe zählen.

Salzburger Missale  (Clm 15708 – 15712)
Furtmeyr-Bibel  (Cgm 8010 a)
Ottheinrich-Bibel  (Cgm 8010)
Corvinen [Bibliotheca Corviniana]

Das Spätmittelalter ist durch das vermehrte Aufkommen der Volkssprachen gekennzeichnet, was sich im Bereich der deutschsprachigen Handschriften sehr gut an Texten wie Wolframs von Eschenbach Parzival (Cgm 18 und Cgm 19), dem Nibelungenlied (Leithandschrift A = Cgm 34 und Handschrift D = Cgm 31) oder dem Jüngeren Titurel (u. a. Cgm 8470) zeigen lässt.

Parzival  (Cgm 18 und Cgm 19)
Nibelungenlied  (Leithandschrift A = Cgm 34 und Handschrift D = Cgm 31)
Jüngerer Titurel  (u.a. Cgm 8470)

Für die Erforschung der Schriftgeschichte (Paläographie) bietet die Handschriftensammlung der Bayerischen Staatsbibliothek zahlreiche interessante Stücke. Neben Beispielen für die bereits erwähnte Unziale und für die angelsächsische Minuskel (z. B. Clm 6237) finden sich auch Schriftarten, die nördlich der Alpen eher selten überliefert sind, wie beispielsweise die „Jüngere römische Kursive“ im Codex Valerianus oder die süditalienischen „Beneventana“ in mehreren Handschriften des 10. bis 12. Jahrhunderts.

Papst Gregor der Große: Homiliae in Ezechielem  (Clm 6237)
Jüngere römische Kursive  (Clm 6224, Blatt 204v)
Beneventana (z. B. Clm 337; Clm 4623)

Bilderwelten [Virtuelle Ausstellung]

Handschriften in orientalischen Sprachen

In diesem Kontext sollen selbstverständlich auch die aus dem Mittelalter stammenden Handschriften in orientalischen Sprachen nicht unerwähnt bleiben. Hierunter nehmen die weltberühmte, 1342 in Frankreich entstandene und nahezu vollständig erhaltene Handschrift des Babylonischen Talmud (Cod.hebr. 95) sowie der im Jahr 1226 in Sevilla entstandene Koran (Cod.arab. 1) eine herausgehobene Stellung ein. Auch eines der frühesten bekannten Koranfragmente (Cod.arab. 2817, Neuerwerbung 2013) wird genauso in den Sammlungen verwahrt wie chinesische Handschriften aus der Tang-Dynastie (7. bis frühes 10. Jahrhundert).

Babylonischer Talmud  (Cod.hebr. 95)
Andalusischer Koran aus Sevilla  (Cod.arab. 1)
 ♦   Koranfragmente  (Cod.arab. 2817)

Literatur

Pracht auf Pergament: Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180. Katalog und Ausstellung: Claudia Fabian ... München: Hirmer, 2012. Bayerische Staatsbibliothek: Ausstellungskataloge. 86.

Bilderwelten – Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit: Katalogband zu den Ausstellungen in der Bayerischen Staatsbibliothek vom 13. April 2016 bis 24. Februar 2017. Koordination und Redaktion: Claudia Fabian, Karl-Georg Pfändtner und Juliane Trede. Luzern: Quaternio, 2016. Bayerische Staatsbibliothek: Ausstellungskataloge. 90.

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