Moritz Güdemann

Moše Isserles: She'elot u-teshuvot | © BSB
Moše Isserles: She'elot u-teshuvot | © BSB

Bei der Suche nach NS-Raubgut in der Bayerischen Staatsbibliothek wurde auch deren Hebraica-Bestand nach Verdachtsfällen durchsucht. Dabei stieß man auf den Titel „Sheʾelot u-teshuvot (שאלות ותשובות)“ von Moše Isserles (איסרלס, משה), der durch zwei ältere Stempel Hinweise auf den Vorbesitzer sowie einen verfolgungsbedingten Entzugsvorgang gab. Der erste Stempel weist auf den Rabbiner Moritz Güdemann (1835 – 1918) hin, während der zweite das „Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschlands“ als Besitzer während der NS-Zeit auswies.

Moritz Güdemann  (Datensatz in der Gemeinsamen Normdatei, GND)

Der 1835 in Hildesheim geborene Moritz Güdemann studierte bis 1862 am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau und war anschließend als Rabbiner in Magdeburg tätig. Vier Jahre später wurde er nach Wien berufen, wo er ab 1892 als Oberrabbiner wirkte. Neben seiner Tätigkeit als Rabbiner trat Güdemann auch als Verfasser mehrerer Werke zur Geschichte und Kultur des Judentums sowie zu Antisemitismus und Apologetik auf. Er starb im August 1918 in Baden bei Wien.

In seinem Testament beerbte er seine Frau Ida und die drei gemeinsamen Kinder, nahm jedoch seine Bibliothek davon aus, da er bereits zu Lebzeiten darüber verfügt hatte. Aus dem Testament geht jedoch nicht hervor, an wen er diese vermachte. Aufgrund von bereits bekannten Schenkungen Güdemanns ist davon auszugehen, dass er seine Fachbibliothek einer kulturellen Institution im Umfeld der damaligen Wiener Kultusgemeinde überließ. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um die von ihm mitbegründete Israelitisch-Theologische Lehranstalt Wien.

Unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 begann die dem Reichssicherheitshauptamt unterstellte Geheime Staatspolizei und der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) mit der Beschlagnahme und Plünderung jüdischer Bibliotheken. Deren weitere Verwendung durch die Nationalsozialisten ist nur teilweise dokumentiert. Die im Buch enthaltenen Hinweise auf das „Reichsinstitut“ in München lassen aber weitere Rückschlüsse auf das Schicksal des Buches zu. Sowohl die Österreichische Nationalbibliothek als auch die Bücherverwertungsstelle Wien – eine Einrichtung des Reichspropagandaamtes zur Zusammenführung, Vernichtung und Weiterverteilung „unerwünschter“ Literatur – boten dem Reichinstitut an, beschlagnahmte Bücher zur Verfügung zu stellen.

Moše Isserles: She'elot u-teshuvot (mit Besitzstempel) | © BSB
Moše Isserles: She'elot u-teshuvot (mit Besitzstempel) | © BSB

Das 1935 gegründete „Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschlands“ hatte es sich zum Ziel gesetzt, zur führenden Einrichtung bei der pseudowissenschaftlichen Erforschung der „Judenfrage“ in NS-Deutschland zu werden. Dazu gehörte auch der Aufbau einer dazugehörigen Fachbibliothek, für die unter anderem auch geraubte Bücher verwendet wurden. Die Bestände der seit 1936 in München aufgebauten „Forschungsabteilung Judenfrage“ wurden beim Kriegsende von der amerikanischen Armee beschlagnahmt und später eine Zeitlang dem Besatzungssender Radio München zur Verfügung gestellt. Ab 1948 wurden die Bestände dann der Bayerischen Staatsbibliothek übergeben.

Nach Abschluss der Recherchen, die mithilfe der Abteilung für Restitutionsangelegenheiten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien durchgeführt wurden, konnte das Buch am 3. September 2015 an die Israelitische Kultusgemeinde Wien restituiert werden.

Der Titel wird im OPACplus/BSB-Katalog weiter angezeigt. Dieser ist mit einer entsprechenden Bemerkung zur Provenienz versehen worden, die unter der Rubrik „mehr zum Titel“ erscheint. Sie kann mit der Eingabe „BSB-Provenienz: Moritz Güdemann“ über die „Einfache Suche“ im OPACplus/BSB-Katalog recherchiert werden. Da die Israelitische Kultusgemeinde Wien sich mit der Digitalisierung einverstanden erklärt hatte, ist bei dem Werk der Online-Zugriff auf das Digitalisat möglich.

BSB-Provenienz: Moritz Güdemann  (Anzeige im OPACplus/BSB-Katalog)
Moše Isserles: She'elot u-teshuvot  (Digitale Version)

Israelitische Kultusgemeinde Wien

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