Hochschule für die Wissenschaft des Judentums

Vorbesitzerstempel der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ in der Talmud-Übersetzung von Lazarus Goldschmidt | © BSB
Vorbesitzerstempel der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ in der Talmud-Übersetzung von Lazarus Goldschmidt | © BSB

Bei der Durchsicht von Beständen, die aus der ehemaligen NS-Ordensburg Sonthofen an die Bayerische Staatsbibliothek gekommen waren, fanden sich drei Bände einer insgesamt zwölftteiligen Talmud-Übersetzung von Lazarus Goldschmidt. Die Vorbesitzerstempel wiesen auf die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ hin.

Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums wurde 1872 unter anderem vom Rabbiner und Gelehrten Abraham Geiger (1810 – 1874) gegründet, um sich im Geist akademischer Freiheit der jüdischen Tradition zu widmen. In den sieben Jahrzehnten ihres Bestehens wirkten dort bedeutende jüdische Religionsgelehrte wie etwa Leo Baeck (1873 – 1956) und Ismar Elbogen (1874 – 1943), hunderte Rabbiner und Religionslehrer durchliefen dort ihre Ausbildung. Trotz der nationalsozialistischen Repressionen konnte der Lehrbetrieb in der seit 1933 zur „Lehranstalt“ degradierten Hochschule bis Juni 1942 aufrechterhalten werden. Dann wurde die Hochschule von den Nationalsozialisten geschlossen und die Bibliothek beschlagnahmt.

Abraham Geiger  (Datensatz in der Gemeinsamen Normdatei, GND)
Leo Baeck  (Datensatz in der Gemeinsamen Normdatei, GND)
Ismar Elbogen  (Datensatz in der Gemeinsamen Normdatei, GND)

Die in der Bayerischen Staatsbibliothek ermittelten Bände sind wahrscheinlich unmittelbar nach der Beschlagnahme an die NS-Ordensburg gelangt, wo sie 1943 in den Bestand der Hauptbibliothek eingearbeitet wurden. 1946 kamen die Sonthofener Bibliotheksbestände dann auf Anweisung der amerikanischen Militärregierung an die Bayerische Staatsbibliothek, die einen Teil in ihren Bestand übernahm. Die drei geraubten Bände konnten in der Bayerischen Staatsbibliothek mithilfe von Zugangslisten ermittelt und anhand der Besitzstempel eindeutig der Hochschule zugeordnet werden.

Besitzerstempel der „NS-Ordensburg Sonthofen“ in der Talmud-Übersetzung von Lazarus Goldschmidt | © BSB
Besitzerstempel der „NS-Ordensburg Sonthofen“ in der Talmud-Übersetzung von Lazarus Goldschmidt | © BSB
Titelblatt der Talmud-Übersetzung von Lazarus Goldschmidt | © BSB
Titelblatt der Talmud-Übersetzung von Lazarus Goldschmidt | © BSB

Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums wurde nach 1945 nicht wieder neugegründet. Das Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam versteht sich jedoch als Nachfolgeeinrichtung der Hochschule. Es ist zudem die erste Rabbiner- und Kantorenausbildungsstätte in Mitteleuropa nach der Schoah. Ein Teil der früheren Bibliothek befindet sich heute am Leo Baeck College London, an dessen Gründung 1956 auch viele frühere Angehörige der Berliner Hochschule beteiligt waren.

Abraham Geiger Kolleg

Am 9. Dezember 2015 restituierte die Bayerische Staatsbibliothek die Bücher an das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam. Die restituierten Titel werden im OPACplus/BSB-Katalog weiter angezeigt. Sie sind mit einer entsprechenden Bemerkung zur Provenienz versehen worden, die unter der Rubrik „mehr zum Titel“ erscheint. Sie können mit der Eingabe „BSB-Provenienz: Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ über die „Einfache Suche“ im OPACplus/BSB-Katalog recherchiert werden.

BSB-Provenienz: Hochschule für die Wissenschaft des Judentums  (Anzeige im OPACplus/BSB-Katalog)

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