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Der Himmel in Blaustufen – das Literaturportal Bayern verknüpft digitale und analoge Literaturwelt

Das Literaturportal Bayern ist eine Onlineplattform für Literatur unter dem Dach der Bayerischen Staatsbibliothek. Aber es ist noch viel mehr: Es ist das Portal zu einem schönen Ort. Es fächert mit den Möglichkeiten des Internets eine Literaturlandschaft auf, deren bunte Beziehungsvielfalt endlich in vollem Umfang sichtbar wird. Schriftstellerporträts, Nachlässe, Themenessays – die Verortung und Verknüpfung von Autoren, Institutionen und Veranstaltungen bietet dem literarischen Leben in den Städten und Regionen einen gemeinsamen Hafen. Als vernetztes Wissenskompendium ist das Literaturportal Bayern für Experten und Laien zugleich Fundus und Forum. In diesem Spektrum kann man recherchieren, sich informieren, flanieren – und bisweilen dem Blauen vom Himmel begegnen.

Neue Wege

Da im Internet aber immer alles im Fluss ist, ruht sich das Literaturportal Bayern nicht auf seinem archivarischen Tafelsilber aus. Es ist ständig auf der Suche nach neuen Wegen und Formaten, um das blau-weiße Literaturland leuchten zu lassen. So bietet es seine Inhalte über unterschiedlichste Kanäle an: über die angestammte Internetseite (www.literaturportal-bayern.de), die sozialen Netzwerke, aber zum Beispiel auch über einen eigenen Kanal im „Literatur Radio Bayern“ oder auf selbst veranstalteten Lesungen. Die Redaktion will sich nicht anonym im Netz verstecken, sondern als sozialer Akteur in der bayerischen Literaturszene sichtbar sein. Denn die Zukunft lebendiger Literatur liegt auf der Schnittstelle zwischen realem und virtuellem Raum.

Als pulsierender Verbindungsader kommt dabei dem Portal-Blog eine entscheidende Bedeutung zu. Hier wird nicht nur über sämtliche Neuigkeiten aus dem Literaturbetrieb berichtet, sondern auch eine quirlige Plattform für literarische Originalbeiträge geboten. Eine ganze Reihe bedeutender Autoren publiziert dort regelmäßig oder steht zu aktuellen Themen Rede und Antwort – darunter Größen wie Nora Gomringer, Lena Gorelik, Sandra Hoffmann, Dagmar Leupold, Norbert Niemann, Thomas von Steinaecker und Tilman Spengler.

Einige von ihnen haben auch an der ersten eigenen Buchpublikation des Literaturportals mitgewirkt, mit dem ein weiterer Sprung nach draußen gelang: Die Anthologie „Fremd“ (herausgegeben von Fridolin Schley, München, 2015) versammelt höchst unterschiedliche Texte gegen Fremdenfeindlichkeit und über das Fremdsein selbst – Geschichten, Gedichte, Analysen oder Utopien – allesamt Plädoyers für Weltoffenheit, oft mit einer gehörigen Portion Humor.

Im Rahmen dieser Initiative wurden zudem etliche Lesungen und Diskussionsabende veranstaltet, nicht nur in München, sondern auch etwa in Pullach oder Augsburg. Andere Veranstaltungen widmeten sich der Begegnung von deutscher und italienischer Lyrik, dem Thema „Behinderung in der bayerischen Literatur“ oder dem Literaturprojekt „Streetview Literatur“, einem urbanen, interaktiven Literaturexperiment.

Netzstufen

Diese Mischung ist kein Zufall. Denn Tradition und Experiment haben sich schon immer gegenseitig bedingt und befruchtet. Diesem Credo folgt auch das nächste große Projekt, das vom Literaturportal unterstützt und im Blog repräsentiert wird: der Stufenroman. Dabei handelt es sich um ein Online-Experiment, einen Netzroman, den der Leser selbst beeinflussen kann. Der Stufenroman soll die seit Jahrhunderten als editorische Textstufen bezeichneten Entstehungsprozesse von Literatur in die digitale Gegenwart transportieren. Vorarbeiten, Entwürfe, Neufassungen – all das, was bisher hinter dem fertigen Buch verborgen blieb und allenfalls der Editionsphilologie vertraut war, kann im Netz sichtbar gemacht werden. Und nicht nur das: Es wird aus seiner Stieftöchterlichkeit befreit und selbst Teil des Werkes und der Lektüre.

Das heißt konkret: Der renommierte Münchner Schriftsteller und Ingeborg-Bachmann-Preisträger Thomas Lang schreibt unter dem Titel „Der gefundene Tod“ und über den Zeitraum von neun Monaten einen Roman oder eine längere Erzählung – aber eben nicht abgeschottet im stillen Kämmerlein, sondern ganz offen im Netz. Die Leser rezipieren nicht mehr nur das fertige Textergebnis, sondern den gesamten kreativen Prozess, zum Beispiel indem der Autor Materialien seiner Entwürfe, Notizen und Recherchen zugänglich macht oder mehrere Textvarianten zur Debatte stellt. So können die Leser jeden Fortschritt, jede Entwicklung und Veränderung in Realtime verfolgen, kommentieren und im Austausch mit dem Autor beeinflussen. Eine Schulklasse soll sogar eine eigene literarische Figur zur Ausgestaltung erhalten. Der Schriftsteller erweitert also ebenfalls seine Rolle; er agiert nun auch als Weber, als impulsgebender Teil eines kollektiven Kreativgeflechts.

In letzter Konsequenz setzt dieses Experiment spielerisch um, wovon Philosophie und Science-Fiction gleichermaßen seit langem träumen: Lesen und Schreiben als ein Vorgang. Der Literaturfreund schreibt den Roman mit – indem er ihn liest. Der Deutsche Literaturfonds fördert das Projekt mit einem seiner begehrten Autorenstipendien. Startschuss im Netz war der erste September 2016. Alle interessierten Leserinnen und Leser sind herzlich zur Beteiligung eingeladen.

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