„Das großartigste Gebäude in München“ – aus der Baugeschichte der Bayerischen Staatsbibliothek

„Gärtner, das kann das großartigste Gebäude in München werden!“ sagte König Ludwig I. enthusiastisch zu seinem Architekten. Das war 1831, ein Jahr vor Baubeginn des neuen Gebäudes für die Hof- und Staatsbibliothek in München.

Architekt Friedrich von Gärtner war allerdings nicht immer erfreut von den Vorstellungen des Bauherrn: Ludwig I. korrigierte regelmäßig die Entwürfe des Baumeisters und wünschte sich eine Fassade im Stil italienischer Palazzi. Gärtner jedoch beklagte sich über die geplante monotone Gebäudefront „ohne Vorsprung, ohne Säule, ohne Portikus“. Er befürchtete, dass es „eine langweilige Bücherkaserne“ werde. Dennoch realisierte der Architekt schließlich eine monumentale Bibliothek von bahnbrechender Bedeutung: Sie ist heute einer der größten Blankziegelbauten Deutschlands, mit einem Ausmaß von 152 x 78 x 24 Metern. Aufgelockert wurde die langgestreckte Fassade durch eine Freitreppe und vier Statuen antiker Geistesgrößen vor dem Haupteingang sowie kleine rote Rundbögen über den Fenstern.

Die von Ludwig I. bevorzugte Bauart findet sich auch bei vielen anderen Fassaden in der Ludwigstraße wieder. Der Italienfreund wünschte sich alle Gebäude im Stil von Renaissancepalazzi, mit hohen Stockwerken und wenigen Fenstern im Rundbogenstil. Anstelle der bisher üblichen Einzelhäuser und Schlösschen sollten monumentale, horizontale und einheitliche Baukörper entstehen.

Heute befindet sich die Staatsbibliothek mit ihrem Standort in der Maxvorstadt in Gesellschaft zahlreicher kultureller, kirchlicher und säkularerGebäude wie der Residenz,  der Ludwig-Maximilians-Universität, Ludwigs- und Theatinerkirche, mehrerer Ministerien und der Staatskanzlei.

https://www.youtube.com/watch?v=D9cO-acSQyc
Das Gebäude


„Für die Haupttreppe stehe ich gut, daß es die pompöseste wird, die wenigstens in Deutschland existiert“ schrieb Architekt Gärtner im Jahr 1831 an einen Freund. Tatsächlich muss das repräsentative Treppenhaus im Innern des Mittelbaus für seine Zeitgenossen schier überwältigend gewesen sein: Aus der fensterlosen, seinerzeit dämmrigen Eingangshalle stieg der Ankömmling über die breite Treppe hinauf in die hellen Sphären der Wissenschaft, beschirmt von dem imposanten, in ganzer Fläche mit Fresken und Ornamenten ausgestalteten Gewölbe.

Das Treppenhaus in der Neuen Eremitage St. Petersburg sieht dem Münchner Exemplar übrigens auffallend ähnlich. Für deren Planung war der Münchner Architekt Leo von Klenze verantwortlich. Es ist wahrscheinblich, dass er sich die Arbeit seines beruflichen Konkurrenten Friedrich von Gärtner zum Vorbild nahm.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bibliothek wiederholt von Bomben getroffen, die auch das Deckengewölbe des Treppenhauses einstürzen ließen. Schon bald nach Kriegsende begann der Wiederaufbau. Das Treppenhaus stellte man karg und schmucklos wieder her, das Gewölbe blieb einfarbig weiß.

2007 wurden mit Spendenmitteln der Förderer und Freunde der Bayerischen Staatsbibliothek die 22 Fensterbögen sowie die östliche Schildwand mit Inschrift wiederhergestellt. 2012 folgte die Restaurierung der westlichen Schildwand. In dieser Form beeindruckt das Treppenhaus noch heute seine Besucher.

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Das Treppenhaus


1966 wurde nach fünfjähriger Bauzeit der dringend notwendig gewordene Erweiterungsbau fertiggestellt, entworfen von der Architektengemeinschaft Hans Döllgast, Sep Ruf und Helmut Kirsten. Er beherbergt in der obersten Etage den Allgemeinen Lesesaal mit circa 600 Arbeitsplätzen, im Erdgeschoss ein Großraumbüro für das Bibliothekspersonal und im Souterrain den Zeitschriftenlesesaal.

Der neue Trakt mit durchgehender Glasfassade hat die Form eines Quaders von 65 Metern Länge, 45 Metern Breite und 22 Metern Höhe und steht in betontem Kontrast zu Gärtners Bau im Stil der Neurenaissance. Wegen Denkmalschutzauflagen wurde der Anbau nicht zentral in Verlängerung der Mittelachse gebaut, sondern nach Süden verschoben. Im Innern lässt sich der Übergang zwischen Alt- und Neubau jedoch kaum wahrnehmen.

Bauherr und Architektengemeinschaft erhielten für diese bemerkenswerte Leistung der Münchner Nachkriegsmoderne 1967 den Preis des Bundes Deutscher Architekten für Bayern.

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Der Erweiterungsbau
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