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Besuch beim Buch – die Geheimnisse der Magazine

Wer neugierig darauf ist, wo in der Stabi das Buch wohnt, der hat einmal im Monat Gelegenheit, es zu besuchen.

Bücher am laufenden Kilometer

Man kommt einfach nicht ran, an die meisten Bücher der Stabi – vor allem, wenn sie alt, selten oder wertvoll sind. Und das liegt daran, dass die Staatsbibliothek – anders als viele andere – eine Magazinbibliothek ist. Kein Wunder, denn wenn bei mehr als 10 Millionen Büchern alle Nutzer in den Lagerräumen, den sogenannten Magazinen, suchend umherliefen, gäbe es bald ein heilloses Durcheinander. Wer dennoch einmal das Flair der Bücherregalkilometer hautnah erleben möchte, der kann das  zwölfmal im Jahr freitagnachmittags unter fachkundiger Begleitung tun. Dann machen Tobias Fendt oder seine Kollegin Milena Fein mit interessierten Besuchern einen Gang ins Reich der Bücher.

Hauptmagazin im Stammgebäude an der Ludwigstraße | © BSB
Hauptmagazin im Stammgebäude an der Ludwigstraße | © BSB

Der Besuch beim Buch beginnt unspektakulär: Zwar erwartet Tobias Fendt die Führungsteilnehmer am Fuß der Prachttreppe. Doch los geht’s sozusagen über einen Hintereingang. Aber wenn es hier dann heißt: „Sesam öffne dich!“ tritt man ein in die große Welt der Bücher. Die Dimensionen der Stabi sind beeindruckend. Für diese Führung muss man gut zu Fuß sein. Das Hauptmagazin alleine erstreckt sich über die gesamte Ostseite der Stabi, sieben Stockwerke hoch. Auf 150 m Länge könnte Weltrekordler Usain Bolt hier mühelos für seinen Sprint trainieren.  

Wer sich umblickt, sieht einen historischen Bücherwagen. In diesem „Schneewittchensarg“ liegen einige alte, zerfledderte und angekokelte Bücher. Milena Fein erklärt gleich, warum: Die Stabi hat nämlich nach Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg gebrannt, mit ihr wurde ein Viertel der Bestände in Schutt und Asche gelegt, nahezu 500 000 Bücher. Das zeigt auch eindrucksvoll eine Fotodokumentation an der Wand.  

Doch man ist ja hier, um schöne alte Bücher zu sehen. Und die bekommen die Besucher der Führung zu Gesicht, wenn Tobias Fendt oder Milena Fein sie ins Folio-Magazin entführen. Hier stehen die wirklich tollen, alten Schätzchen, spannendick, in Schweinsleder gebunden, mit und ohne Schließen. Und hier erfährt man auch, warum wir heute noch ein Buch „aufschlagen“; Milena Fein demonstriert es: Man musste früher auf die unter Spannung stehenden Buchschließen einen kräftigen Fausthieb geben, damit sie sich öffneten.

„Recycelte“ Pergamenthandschrift | © BSB
„Recycelte“ Pergamenthandschrift | © BSB
Wertvolle historische Bestände | © BSB
Wertvolle historische Bestände | © BSB

Recycling in der Renaissance

Dass man bereits in vergangenen Jahrhunderten an Wiederverwertbarkeit dachte, zeigt Tobias Fendt an einem anderen Buch: Das ist nämlich in eine vollgeschriebene Pergamentschrift eingebunden. Was wie modernes Coverdesign aussieht, ist einfach die Zweitverwertung von Resten eines anderen Buches. Denn Papier und Pergament waren damals zu teuer, um es einfach wegzuwerfen.

Manch Bibliophiler bekommt beim Gang durch die Foliantenreihen gar eine Gänsehaut: Hier stehen zum Beispiel die Werke des berühmten Arztes Paracelsus vollständig im Original! Bei einem schnellen Blick nach links entdeckt man das weltweit nur noch hier vorhandene Exemplar einer Lutherausgabe, ein paar Meter weiter ein Brevier aus dem 17. Jahrhundert. Für ihre Altbestände, das begreift man hier buchstäblich, ist die Stabi eben weltbekannt.

Im nächsten Raum sieht man reihenweise Bücher in Pappkartons mit blauen und roten Punkten. Tobias Fendt erklärt, dass darin Bücher verborgen sind, die unter Säurebefall leiden und ihrer Entsäuerung harren oder diese Behandlung schon hinter sich haben. Um beschädigte Bücher – erzählt er – kümmert sich eine eigene Abteilung, das Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung. Denn Bücherwürmer sollen in der Stabi nur als Nutzer zu ihrem (Lese-)Futter kommen!

Ein Kosmos des Buches

Die Bestände der Bibliothek, das merkt man bei der Führung, sind „vielseitig“ im doppelten Sinne: Hier gäbe es nicht nur Stoff für Millionen Lesestunden. Man findet auch Bücher aller Größen. Die kleinsten sind knapp daumenhoch, das größte, ein Buch über medizinische Anatomie, ist höher und breiter als Milena Fein, die es präsentiert. Was die inhaltliche Vielfalt anbetrifft, schlägt die Stabi Amazon & Co. mit Leichtigkeit. Hier findet sich schlichtweg alles: Nicht nur berühmte Erstlingswerke aus fünf Jahrhunderten sammelt die Staatsbibliothek laut ihrem wissenschaftlichen Auftrag. Beim Gang durch die Magazine sieht man auch die bunten Paperbackcovers von Kochbüchern, Reiseführern und Comics: Denn die Stabi ist zugleich Archiv für das gesamte in Bayern erscheinende Schrifttum und muss auch diese Werke für die Nachwelt hüten.

Die Zeit scheint in den Magazinen mit ihren jahrhundertealten Beständen und den Geschichten, die sich darum ranken, still zu stehen. Und doch ist die einstündige Magazinführung fast schon wieder vorbei – viel zu schnell für die meisten Führungsteilnehmer. Ganz nebenbei haben sie von ihren Guides eine Menge Wissenswertes erfahren: Warum man Bücher früher in Fässer schichtete. Was es mit einer Buchwiege auf sich hat. Warum Oktav und Quart nicht nur für Musiker wichtige Begriffe sind. – Neugierig auf die Antworten? Dann kommen Sie einfach zu einer unserer Führungen „Hinter den Kulissen der Bayerischen Staatsbibliothek“. Milena Fein und Tobias Fendt verraten es Ihnen. Und noch viel mehr. – Übrigens: Buchen muss man den Besuch beim Buch nicht – die monatlichen Führungen am Freitagnachmittag sind kostenlos. Die aktuellen Termine finden Sie auf unserer Website.

... und wer nicht so lang warten möchte: Hier gibt’s schon ein paar visuelle Highlights der Magazinführung.


Weiterführende Informationen:
Termine für touristische Führungen

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