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Virtuelle Ausstellung: Konstruierte Sprachen (16)
Esperanto und Übersetzungen
Esperanto ist sowohl Zielsprache als auch Ausgangssprache von Übersetzungen. Es gibt Übersetzungen für alle Textsorten und -gattungen sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche: Belletristik, Sach- und religiöse Literatur.

Übersetzungen waren von Anfang an Teil des Esperanto-Projekts. So enthielt bereits das erste Lehrbuch (1887) mehrere Übersetzungen von L. Zamenhof: einen Abschnitt aus der Genesis, das Vaterunser und das Gedicht Mir träumte von einem Königskind von Heine. L. Zamenhof publizierte später Übersetzungen kompletter Werke, z.B. Hamlet (Shakespeare), Die Räuber (Schiller), Andersens Märchen und das Alte Testament.

Esperanto-Übersetzungen dienten anfänglich dazu, die Sprache auszuarbeiten und ihr literarisches Potential zu erweisen.

Zu den anerkannten Übersetzern gehört der Pole Kazimierz Bein (1872-1959) mit Werken von Sienkiewicz, Prus und Turgenjew, der Ungar Kálmán Kalocsay (1891-1976) mit Werken von Madách, Petőfi, Baudelaire und Heine sowie der Spanier Fernando de Diego (1919-2005) mit Werken von Machado, García Lorca, Baroja, Gallegos, Cervantes (Don Quijote), García Márquez, Hemingway u.a.

Oft ermöglichen Esperanto-Übersetzungen einen Zugang zu Werken kleinerer Ethnosprachen (Isländisch, Estnisch, Litauisch), die sonst schwer in den Blick kommen.

Eine Richtung der modernen Sprachwissenschaft vertritt die These, dass sich Esperanto aufgrund seiner strukturellen Regelmäßigkeit und semantischen Eindeutigkeit besonders als neutrale Zwischensprache in der maschinellen Übersetzung eigne (Interlingua-Methode).

Durch die Übersetzung von zeitgenössisch kanonischer Literatur fand Humphrey Tonkin zufolge in den ersten Jahren des Esperanto eine Aneignung europäischer Traditionen statt. Die Übersetzungen bildeten für Esperantisten eine Art eigenes kulturelles Erbe. Berücksichtigt man, welche Rolle die Sprachen im Prozess der Nationenbildung als Identitätsanker und Legitimationsgrund spielten, dann kann man nach Tonkin sogar davon sprechen, dass Esperanto-Übersetzungen einen wesentlichen Beitrag dazu leisteten, eine virtuelle Nation der Esperantisten zu entwickeln.

Literaturhinweis:
Humphrey Tonkin: Hamlet in Esperanto. 14 Seiten.
Vortrag gehalten auf der Konferenz: The Paths of Interlinguistics: From Bruno Migliorini to Today, organisiert von der Accademia della Crusca und der Academy of Esperanto. Universität von Florenz. 28. Juli 2006.

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