Williram von Ebersberg: Kommentar des Hohen Liedes
Cgm 10
210 Blätter, Pergament, Ebersberg, 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts
Abt Williram von Ebersberg (gest. 1085) schrieb sein in deutsch-lateinischer Mischprosa verfasstes, vom Geist der cluniazensischen Reformbewegung geprägtes Werk nicht für den Klerus, sondern den der lateinischen Sprache nicht kundigen Vertreter weltlicher Ämter. Der Inhalt ist eine Auslegung und Paraphrasierung des Hohen Liedes auf der Grundlage des Hohelied-Kommentars Heimos von Auxerre.
Das Werk ist in synoptischer Form abgefasst: In der Mitte steht der lateinische Vulagata-Text („Osculetur me osculo oris sui“) des alttestamentlichen Hohen Liedes, in dem Braut und Bräutigam Zwiesprache halten. Der Bibeltext ist in der linken Spalte von einer Umschreibung und einer allegorischen Deutung in Hexametern begleitet ("Quem sitio votis nunc oscula porrigat oris"), die rechte Spalte enthält Willirams Übersetzung ins Althochdeutsche, schließlich folgt seine deutsch-lateinische Kommentierung. Der deutsche Text (rechts) beginnt mit einer Übersetzung des zitierten lateinischen Satzes: „Cusser mih mit demo cusse sines mundes“. Das Lay-out ist von besonderer Art, der Text ist von einer einzigen Hand in sorgfältiger karolingischer Minuskel geschrieben, und die dreispaltige Seiteneinrichtung, die mit einer dreischiffigen Kirche verglichen worden ist, ist eine hohe Leistung des Skriptoriums. Der Münchner Codex ist der wichtigste erhaltene Überlieferungsträger, er ist wohl zu Lebzeiten Willirams entstanden und darf als autorisiert gelten. Das Werk kam nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 in die Münchner Bibliothek.
Fächer: Geschichte, Religionslehre
Literatur:
- Die deutschen Pergament-Handschriften Nr. 1-200 der Staatsbibliothek in München, beschrieben von Erich Petzet. München 1920;
- 400 Jahre Bayerische Staatsbibliothek. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. München 1958; Deutsche Literatur des Mittelalters. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. München 2003



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