Notitia dignitatum
Clm 10291 und Clm 794
Italien, Mitte des 15. Jahrhunderts
Die Notitia dignitatum („Aufzeichnung der Würdenträger“, ein Verzeichnis aller zivilen und militärischen Ämter des ganzen ost- und weströmischen Reiches) kam 1783 mit dem Erwerb der Bibliothek des Humanisten Petrus Victorius durch Kurfürst Karl Theodor in die Münchener Hofbibliothek. Die notitia, die ursprünglich im späten 4. und frühen 5. Jahrhundert entstand, ist für uns nur noch in einer später verloren gegangenen Handschrift vom Beginn des 10. Jahrhunderts fassbar, die sich bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts in der Speyrer Dombibliothek befand. Diese war, wie das Kolophon bezeugt, 1436 während des Konzils zu Basel für Petrus Donatus, den Bischof von Padua, angefertigt worden. 1550 erhielt Pfalzgraf Ottheinrich die Erlaubnis, dass seine Maler die Bilder des zweiten Teils vom Codex aus Speyer auf „geoldrenckt pappier“ originalgetreu durchzeichnen durften. Der Codex Spirensis ging um 1672 verloren, erhalten sind nur Abschriften.
Die notitia mit ihren 90 Kapiteln und je einer Bildtafel bietet dem Leser einen Einblick in die Organisation der militärischen und zivilen Ämter des spätrömischen Reiches. Neben den Titeln der Amtsinhaber werden die Zuständigkeitsbereiche und das betreffende Beamtenpersonal, bei militärischen Rängen auch die Einheiten und die Standorte dargestellt. Die reichen Illustrationen entsprechen wahrscheinlich weitgehend dem Original. Gezeigt werden die Schildermuster der einzelnen militärischen Abteilungen und stilisierte Stadtansichten und Kastelle. Wie der Vergleich mit altrömischen Darstellungen zeigt, haben die Illustratoren versucht, möglichst naturgetreue Bilder zu schaffen.
Blatt 160v zeigt ein Beispiel für die Arbeitsweise des Codex. Dargestellt ist die Kommandantur für Rätien. In der linken oberen Ecke ist der liber mandatorum dargestellt, der die schriftlichen Instruktionen des Kaisers an den Befehlsempfänger enthält. Die Rolle symbolisiert die Bestellungsurkunde: Fl(oreas) in(ter) all(ectos) com(ites) or(dinis) pr(rimi). An Hand der Ortsangaben kann die Ausdehnung Rätien erschlossen werden: Im Süden Teriolis (Zirl), im Nordosten Quintanis/Quintana (Künzing), an der Donau Vallato/Vallatum, im Zentrum Augustanis/Augusta Vindelicorum (Augsburg), im Westen Phaebianis/Phaeniana (nahe Mündung der Iller in die Donau), im Südwesten Phoetibus (Füssen). Die Darstellung der Orte ist schematisiert.
Fächer: Geschichte, Latein
Literatur:
- Lebendiges Büchererbe. Säkularisation, Mediatisierung und die Bayerische Staatsbibliothek, Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. München 2003



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