Schnellzugriff


Bereichsmenü

Die Literatur des Mittelalters im Spiegel der Münchener Handschriften

Die Zeit des 8. bis 11. Jahrhunderts ist die Zeit der frühen deutschen, der althochdeutschen Literatur. Sie ist zunächst eng mit dem Wirken Karls des Großen verbunden. Mittelpunkt der Bemühungen war der Hof in Aachen. Den breiten Rahmen der karolingischen Kulturpolitik zeigen die verschiedenen Aktionsfelder: Gründung einer Akademie, Pflege lateinischer Hofpoesie, Lektüre antiker Schriftsteller, Vervielfältigung von Handschriften, Abfassung von Kommentaren. Zu den bedeutendsten Autoren am Hofe zählte der Angelsachse Alkuin (735 – 804).
 
In der Begegnung zwischen Germanentum und Christentum galt es zunächst einmal die deutsche Sprache gefügig zu machen für die neuen Inhalte. Bei der Übersetzung der lateinischen Texte zeigte sich, dass keine passenden Begriffe zur Verfügung standen. Die ersten Denkmäler der deutschen Sprache sind deshalb Wörterbücher, Glossen, Kommentare und Übersetzungen. So gelang es, den nötigen Wortschatz zu bilden und das christliche Gedankengut weiterzugeben. Für den Laien etwa wurden zahlreiche Übersetzungen des Credo und Paternoster, sowie von Taufgelöbnissen und Beichtformeln geschaffen. Träger dieser Arbeit waren Geistliche, besonders Mönche, die literarische Kultur war eine Kultur der clerici, der Kleriker. Geistliche Zentren der Zeit waren die Klöster St. Gallen, Reichenau, Tegernsee, Benediktbeuern, Corvey, Weißenburg und Fulda, das das Erbe Karls und Alkuins durch das Wirken von Hrabanus Maurus (822–842) weiter pflegte.
 
Mit der an den Übersetzungen geschulten Sprache wagte man sich allmählich an ein eigenes textliches Gestalten. Ein Beispiel, wie „Nachahmung zu Schöpfung“ (P. Wapnewski) wurde, ist der im Umfeld des karolingischen Hofes anzusiedelnde Alt-deutsche Isidor, eine kurz vor 800 entstandenen Übertragung der apologetischen Schrift des Bischofs Isidor von Sevilla (†636), die sich mit dem jüdischen Glauben auseinandersetzte.
 
Für die Versdichtung der althochdeutschen Periode wurde der germanische Stabreim verwendet, wie es das  Wessobrunner Gebet zeigt. Neun Verszeilen sind darin einem Gebet in Prosa vorangestellt, die vielleicht eine größere Dichtung von der Erschaffung der Welt einleiten sollten. Auch das nach einem Kernwort benannte, nur fragmentarisch erhaltene  Muspilli ist in Bayern entstanden; gefunden wurde es in der Bibliothek des Klosters St. Emmeram in Regensburg. Die umfangreichen christlichen Stabreimdichtungen entstanden in altsächsischer Sprache: Die altsächsische Genesis und der  Heliand. Auf Veranlassung Ludwigs des Frommen versucht der unbekannte geistliche Dichter unter Rückgriff auf heldisch-germanische Züge die Sachsen vom Zentrum der Bergpredigt aus die christlichen Wahrheiten zu lehren. Christus ist Gefolgsherr, die Jünger sind seine Gefolgsleute, die Männer Palästinas sind seine „Degen“. Doch zugleich lobt der Dichter die unkriegerischen christlichen Tugenden.
 
Ähnliche Absichten verfolgt um 870 der erste uns mit Namen bekannte deutsche Dichter als Verfasser der fünf Bücher der Evangelienharmonie, der Mönch Otfrid von Weißenburg. Otfrid war ein Schüler von Hrabanus Maurus in Fulda. Er verwendet die Volkssprache (theotisce), damit die Franken nicht davon ausgeschlossen seien, „Christi Lob zu singen“ (Kristes lób sungi). Nach dem Muster der Ambrosianischen Hymnen fügt er je zwei seiner vierhebigen Verse zu einer Langzeile zusammen und bindet die Halbzeile durch Endreim. Diese Art des Reims wurde mit diesem Werk zum Vorbild für die deutsche Dichtung. Im Ludwigslied (881–882), das einen Sieg des westfränkischen Königs Ludwig III. (her Hluduig) über die Normannen feierte, übernahm die weltliche Dichtung den neuen Vers.
 
Die Politik der Ottonen, die in der Idee der translatio imperii eine enge Verbindung mit der Kultur der Antike herstellte, führte zu einer Favorisierung der lateinischen Sprache und zu einem Schweigen deutscher Dichtung. Im  Ruodlieb schildert ein Mönch des Klosters Tegernsee in lateinischen Hexametern im letzten Drittel des 11. Jahrhunderts das wechselvolle Leben seines Helden.
 
Das erste größere Werk der frühmittelhochdeutschen Literatur,  Willirams Paraphrase des Hohen Liedes (um 1065), angesiedelt an der Sprachgrenze zwischen Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch, stand deutlich unter dem Einfluss einer neuen geistig-geistlichen Strömung, der cluniazensischen Reformbewegung. Schon im Prolog nimmt er die Kritik dieser Denkweise an der weltlichen Wissenschaft auf und begründet die Beschäftigung mit ihr mit dem Erkennen des Abstands zwischen Licht und Schatten, Wahrheit und Lüge. Die Verbindung von Antike und Christentum, wie sie die karolingische Politik ausgezeichnet hatte, war einer starken Betonung des Christlichen im Sinne des Geistes von Cluny gewichen. Williram deutet die alttestamentliche Liebesdichtung, die Liebe zwischen Braut und Bräutigam allegorisch als Beziehung (Gemahelschaft) zwischen Christus und Kirche. Im folgenden Jahrhundert schlossen sich viele Hohelied-Kommentare an, dabei traten aber mystische Deutungen, nicht zuletzt beeinflusst durch die Predigten Bernhards von Clairvaux in den Vordergrund.
 
Die Zeit des Hochmittelalters (1160–1230), beginnend mit der Regierungszeit Kai-ser Friedrich Barbarossas (1152–1190), ist eine Zeit des Einflusses des Adels. Die Machtentfaltung des staufischen Kaisertums war Hintergrund und Grundlage der neuen literarischen Kultur. Der Hof löste Klöster und Bischofssitze ab. Welt und weltliches Geschehen wurden in einer frommen, aber doch diesseitigen Weltanschauung zum Gegenstand der Literatur, in einer Spannung zwischen Diesseits und Jenseits, weltlich–geistlich, Schönheit und Sünde. Die Kreuzzüge öffneten den Blick auf die bezaubernde Welt des Orients, im Prunk des Hoftages zu Mainz (1184) zeigte sich der hohe Kulturanspruch der ritterlich-adeligen Gesellschaft. Fürsten und Adelshöfe traten als Mäzenaten hervor. Die höfische Kultur (hövescheit) übernahm ihren Stil aus Frankreich, dem Maßstab für ganz Europa, und damit auch die literarischen Anregungen. Formen dieses höfischen Verhaltens vermittelte die lehrhafte Dichtung Der welsche Gast Thomasins von Zerclaere. Auch der einflussreiche Roman  Parzival von Wolfram von Eschenbach hatte seine Wurzeln in der französischen Literatur. Das  Nibelungenlied, eine bis dahin nur mündlich überlieferte Dichtung, übernahm in der schriftlichen Fixierung viel vorgegebenes französisches Material, um die Diskrepanz zwischen höfischem Anspruch und praktischem Handeln zu zeigen. Auch bei der  Tristandichtung und der Willehalmhandschrift Gottfrieds von Straßburg (fortgesetzt von Ulrich von Türheim) kommt der Anstoß aus Frankreich.
 
Im Wettbewerb und nicht immer in Freundschaft mit dem Klerus traten die Spielleute, die „Fahrenden“ auf. Der Grundcharakter ihrer Dichtung war Humor, Spiel, Ausgelassenheit. Das Dichten ist bestimmt von einer Mischung lateinischer und deutscher Texte. Ein Beispiel dieser Art bilden die  Carmina Burana, einer um 1230 entstandenen Liedersammlung, die ihren Namen dem Fundort Benediktbeuern verdankt. Der unbekannte Dichter – von den Zeitgenossen Archipoeta genannt – gilt als guter Zeuge dieser Vagantendichtung. Sein Vers gilt der Liebe, dem Frühling, der Gottesmutter, aber auch der frohen Stimmung in der Kneipe.
 
Die Literatur des Spätmittelalters (1230–1500) umfasst die Zeit vom Ende der höfischen Epoche bis zum Beginn der Literatur des Humanismus. Die Macht des Kaisertums ging seit dem Interregnum zurück, die der Landesfürsten wuchs. Die Ideale des Rittertums verblassten und mit den großen politischen, sozialen und religiösen Veränderungen der Epoche kam es zu neuen Entwicklungen in der Literatur. Die Dichtungsformen des höfischen Epos und des Minnesangs verloren an Bedeutung. Oft wurden nur noch die äußeren Formen dieser Literatur vom Bürgertum übernommen und weitergepflegt. Die Bindung an die Tradition zeigte sich noch in der Fortsetzung des  Tristan durch Ulrich von Türheim. Im Auftrag des bayerischen Hofes kam es Ende des 15. Jahrhunderts zu einer Nachdichtung des Versromans Buch der Abenteuer.
 
Eine bisher nicht gekannte Vielfalt von literarischen Formen macht die Verschiedenheit der neuen Epoche deutlich. Die vermehrte Herstellung von Papier erleichterte eine alle Lebensbereiche umfassende Schriftlichkeit, wie sie von einer breiteren Laienleserschicht, insbesondere aus den aufstrebenden Städten, gewünscht wurde. Als neue Mäzene traten jetzt städtisches Patriziat und Bürgertum auf. Seit dem 13. Jahrhundert bauten die Städte als Zentren des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens ein von der Kirche unabhängiges Schulwesen auf, zuerst noch Lateinschulen, ab dem 14. Jahrhundert auch „deutsche“ Schulen. Die Übersetzung und Bearbeitung der Einzelwissenschaften aus dem Bereich der Artes dienten der Bildung einer größeren Volksschicht. Der in Regensburg wirkende Konrad von Megenberg etwa bietet in seinem  Buch der Natur eine enzyklopädische Zusammenfassung des naturwissenschaftlichen Wissens seiner Zeit. Ein spezielles Interesse im Rahmen der Artes fand die Gedächtniskunst, die Ars memorandi. Der katechetischen Unterweisung des Volkes dienten die Armenbibeln, die biblia pauperum. 1463 erschien in Regensburg eine von Georg Rörer besorgte deutsche Bibelübersetzung. Die in deutscher Sprache gehaltenen Predigten der Bettelorden, der Dominikaner und Franziskaner, erreichten besonders die Bevölkerung der Städte. Sie sind ein Beispiel für die Fähigkeit dieser Orden, auf die geistlichen Bedürfnisse einer größeren Laien-Bevölkerung einzugehen. Die Lesepredigten des Dominikaners Johannes Tauler wurden schon zu seinen Lebzeiten gesammelt und später als die einzigen ihrer Art gedruckt. 6518;Das Büchlein der ewigen Weisheit von Heinrich Seuse (1327/34) zeigt den Einfluss der spekulativen Mystik der Dominikaner. Noch bestimmen im 13. Jahrhundert die großen Vorbilder des höfischen Romans der mittelhochdeutschen Klassik Form, Stil und Stoffwahl die neue Literatur. Die Bindung an die Tradition zeigt sich demgegenüber im Versuch Ulrichs von Türheim, den Tristan-Stoff zu vollenden oder im Jüngeren Titurel und der Auftragsdichtung des bayerischen Hofes Ende des 15. Jahrhunderts, bei der zyklischen Nachdichtung Johannes Füetrers Buch der Abenteuer (um 1490). Die Gestalt Alexanders des Großen wird wieder zum Thema der Literatur: bei Rudolf von Ems (Ende 13. Jahrhundert) und Johannes Hartlieb (1455). Neues und Eigenes entstand in der Mitte des 15. Jahrhunderts in der lehrhaften Dichtung Hugos von Trimberg. In seinem enzyklopädischen Lehrgedicht  Der Renner (um 1300) geißelt er die Sündhaftigkeit des Menschen, insbesondere deren Wurzel, den Besitztrieb. In den Bereich der Stände- und Moralsatire gehört Heinrich Wittenwilers um 1400 entstandenes Werk  Der Ring, „eine der stärksten Leistungen des späten Mittelalters“ (E. Frenzel). An Beispiel einer bäuerlichen Liebesgeschichte wird gelehrt, was man tuon und lassen schol. Abkehr von der mittelalterlichen Gedankenwelt zeigt das Werk des Johannes von Saaz: Der Ackermann aus Böhmen. In dieser Dichtung stoßen die Anschauungen zweier Zeitalter aufeinander. Auf das Mittelalter verweist die Rede des Todes, wenn von der Eitelkeit und Hinfälligkeit der Welt gesprochen wird, auf das neue Denken des Humanismus und der Renaissance hingegen die Betonung des Wertes der Schöpfung und der Würde und Freiheit des Menschen – eine Antithetik, die in der Zeit um 1400 keine Parallele in der Literatur hat. Als eines der frühesten Werke aus der Wiege des Buchdrucks fand es im 15. und 16. Jahrhundert große Verbreitung.
 
Literatur (in Auswahl):
  • Kurt, Ruh u.a. (Hsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearb. Aufl. Berlin 1978 – 1999;
  • Heinzle, Joachim u.a. (Hsg.): Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit. 3 Bde. 2., durchges. Aufl. Frankfurt. a.M. u.a. 1995;
  • Helmut de Boor und Richard Newald (Hsg.): Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. 12 Bde. Neubearbeitungen. Berlin 1949 ff.;
  • Meid, Volker: Das Reclambuch der deutschen Literatur. Stuttgart 2004;
  • Nürnberger, Helmuth: Geschichte der deutschen Literatur. 25. Aufl. München 2006;
  • Killy, Walther (Hsg.): Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. 15 Bde. Gütersloh/München 1988-1993
Kataloge der Bayerischen Staatsbibliothek:
  • 400 Jahre Bayerische Staatsbibliothek. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. Redaktion: Kurt Dorfmüller. Hannover 1958;
  • Cimelia Monacensia. Wertvolle Handschriften und frühe Drucke der Bayerischen Staatsbibliothek München. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. Redaktion: Fridolin Dreßler. Wiesbaden 1970;
  • Unger, Helga: Zwölf Jahrhunderte Literatur in Bayern. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. München 1975;
  • Thesaurus librorum. 425 Jahre Bayerische Staatsbibliothek. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. Redaktion: Karl Dachs und Elisabeth Klemm. Wiesbaden 1983;
  • Regensburger Buchmalerei. Von frühkarolingischer Zeit bis zum Ausgang des Mittelalters. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek München und der Museen der Stadt Regensburg. Redaktion. Florentine Mütherich und Karls Dachs. München 1987;
  • Klemm, Elisabeth: Die romanischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek. Textband und Tafelband. Teil 1und 2. In: Katalog der illuminierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek. Bd.3 . Teil 1 und 2. Wiesbaden 1988;
  • Bierbrauer, Katharina: Die vorkarolingischen und karolingischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, Textband und Tafelband. In: Katalog der illuminierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, Bd.1und 2. Wiesbaden 1990;
  • Deutsche Weltchroniken des Mittelalters: Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. Redaktion: Elisabeth Klemm und Ulrich Montag. München 1996;
  • Klemm, Elisabeth: Die illuminierten Handschriften des 13. Jahrhunderts deutscher Herkunft in der Bayerischen Staatsbibliothek. Textband und Tafelband. In: Katalog der illuminierten Handschriften der Bayerischen Staatbibliothek in München. Bd. 4. Wiesbaden 1998.
  • Hernad, Béatrice: Die gotischen Handschriften deutscher Herkunft in der Bayerischen Staatsbibliothek: Teil 1. Vom späten 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts. Mit Beiträgen von Andreas Weiner. In: Katalog der illuminierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Bd. 5,1 Wiesbaden 2000;
  • Deutsche Literatur des Mittelalters. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. Redaktion: Ulrich Montag. München 2003;
  • Lebendiges Büchererbe. Säkularisation, Mediatisierung und die Bayerische Staatsbibliothek. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. Redaktion: Dieter Kudorfer. München 2003;
  • Klemm, Elisabeth: Die ottonischen und frühromanischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek. Textband und Tafelband. In: Katalog der illuminierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Bd. 2. Wiesbaden 2004;
  • Hernad, Béatrice: Auf den Spuren des Mittelalters. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. München 2005;
  • Kulturkosmos der Renaissance. Die Gründung der Bayerischen Staatsbibliothek. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. Redaktion: Claudia Fabian. Wiesbaden 2008;
  • Die Ottheinrich-Bibel. Das erste illustrierte Neue Testament in deutscher Sprache. Ausstellungskatalog der Bayerischen Staatsbibliothek. Redaktion: Claudia Fabian und Jürgen Schefzyk. Luzern 2008