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Bestandsgeschichte

Die Altbestände der Bayerischen Staatsbibliothek entstammen vornehmlich den Hofbibliotheken der Wittelsbacher in München und Mannheim, den säkularisierten bayerischen Klöstern sowie weiteren Büchersammlungen unterschiedlicher Provenienz.
 
1558 erwarb der Wittelsbacher Herzog Albrecht V. die Privatbibliothek des österreichischen Kanzlers Johann Albrecht Widmanstetter, eines bedeutenden Förderers von Kunst und Wissenschaft, und bestimmte sie zum Grundstock seiner Hofbibliothek. Widmanstetter, dem Humanismus nahestehend und zugleich Orientalist, besaß Werke zur Klassischen Philologie, Theologie sowie orientalische und medizinisch-naturkundliche Texte. Seine Bibliothek umfasste 300 Handschriften, darunter 140 hebräische und 50 arabische, bis heute von außerordentlicher Bedeutung für die Forschung, und 500 Bände mit insgesamt 900 verschiedenen Drucken.
 
1571 gelang es dem Herzog, die mehr als 10.000 Bände umfassende Bibliothek des Augsburger Patriziers Johann Jakob Fugger anzukaufen, eines der besten Bücherkenner seiner Zeit. In Fuggers Bibliothek war bereits die des Nürnberger Arztes und Humanisten Hartmann Schedel aufgegangen. Die Hofbibliothek wuchs damit um wichtige Handschriften und Drucke, insbesondere aus Italien, und um Literatur zur Geschichte und zur Jurisprudenz. Im Jahr 1600 zählte man etwa 17.000 Bände, darunter wertvolle Musikdrucke und -handschriften sowie wichtige Landkarten. Die Bibliothek galt damals als eine der bedeutendsten Büchersammlungen Europas.
 
Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges ließen die Hofbibliothek nicht unberührt. Verlagerungen und Verluste waren zu beklagen. In der zweiten Jahrhunderthälfte und im frühen 18. Jahrhundert gab es keine nennenswerten Vermehrungen. Die Bibliothek lag im Dornröschenschlaf und war selbst für interessierte Wissenschaftler kaum zugänglich. Erst unter Kurfürst Max III. Joseph wurde diese lange Phase der Stagnation überwunden. Selbst interessiert an Kunst und Wissenschaft, wies er der Bibliothek ausreichende Mittel für den Ankauf von Büchern zu. 1759 wurde sie der neugegründeten Akademie der Wissenschaften zugeordnet. Daneben stand sie Hofbeamten und Professoren der Universität Ingolstadt offen.
 
1756 hatte Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz die Mannheimer Hofbibliothek gegründet. 1777, als mit dem Tod Maximilians III. Joseph die kurbayerische Linie der Wittelsbacher erlosch, fiel ihm die bayerische Kurwürde zu. 1778 zog er nach München; 1803/04 wurde auch die Mannheimer Hofbibliothek nach München verbracht. Sie, die 100.000 Bände umfaßte, hatte ihre Stärken vor allem in Literatur zu Geschichte und Naturwissenschaften. Noch während der Regierung Karl Theodors wurde zeitgenössische französische und italienische Literatur in bedeutendem Umfang erworben. Mit der Bibliothek des Florentiner Humanisten Petrus Victorius, die der Kurfürst in Rom ankaufen ließ, kamen weitere wichtige Werke des 15. und 16. Jahrhunderts in die Hofbibliothek.
 
Entscheidender Wendepunkt in der Geschichte der Bayerischen Staatsbibliothek war die Säkularisation der Jahre 1802/03. Schon 1773 hatte die Hofbibliothek 23.000 Bände des aufgelösten Münchener Jesuitenkollegs übernehmen können. In den folgenden Jahrzehnten wurden ihr ausgewählte Bestände aus rund 150 Klöstern und Stiften in Oberbayern, Niederbayern und Teilen Schwabens zugewiesen. Nicht nur quantitativ war das Säkularisationsgut von großer Bedeutung - die geistige Überlieferung Bayerns aus vielen Jahrhunderten wurde damit an einem Ort vereint. Reiche Bestände aus berühmten Klöstern mit bis zu tausendjähriger Tradition, wie Polling oder Tegernsee, die zu ihrer Blütezeit in die erste Reihe geistlicher Bibliotheken überhaupt gehörten, summierten sich zu einem einmaligen Ensemble. Die Klosterbibliotheken enthielten einzigartige literarische Quellen zu den verschiedensten Wissensgebieten vom Mittelalter bis zur Spätaufklärung. Die theologische und historische Literatur ist in ungewöhnlicher Breite dokumentiert. Sie wird durch Werke zur klassischen, hebräischen und romanischen Philologie und durch naturwissenschaftliche Schriften ergänzt. Der bis heute gültige Rang der Staatsbibliothek wurde damit maßgeblich und dauerhaft begründet.
 
Im Jahr 1818 notierte man einen Bestand von über 500.000 Druckwerken - die Hälfte davon Säkularisationsgut - und 18.600 Handschriften. Selbst ausländische Fachleute attestierten der Hof- und Staatsbibliothek, wie sie seit 1829 hieß, nach der Bibliothèque Nationale in Paris den zweiten Platz in Europa. Die Zahl der Dubletten wurde auf weitere 200.000 Bände geschätzt - zu hoch, denn nach heutiger Auffassung handelt es sich keineswegs in allen Fällen um Doppelstücke im eigentlichen Sinn.
 
In der Folgezeit versuchte man, neuere Literatur möglichst umfassend zu erwerben. Ankäufe verschiedener Gelehrtenbibliotheken bewirkten, dass die Literatur über Bayern besonders gut dokumentiert ist. Die Ausweitung des seit 1663 bestehenden Pflichtexemplarrechts auf die neu hinzugewonnenen Gebiete Schwabens und Frankens trug ebenfalls dazu bei. Es verpflichtete alle Verleger in Bayern, ein Exemplar jedes von ihnen gedruckten Werks zur Archivierung abzuliefern.
 
Das Niveau der Bibliothek blieb unter den Königen Ludwig I. und Maximilian II. erhalten. Zur Ergänzung und Ausweitung der Bestände wurden gewaltige Anstrengungen unternommen. Um sie zu finanzieren, wurden Dubletten veräußert, unter ihnen eine große Zahl von Inkunabeln. Der Erlös ermöglichte den Ankauf der Bibliothek des französischen Orientalisten Etienne Quatremère. Sie enthielt 1.200 Handschriften und 45.000 Drucke des 16. bis 19. Jahrhunderts. Die Literatur aus Ostasien und dem Orient erfuhr ferner durch Erwerbungen des Sinologen Karl Friedrich Neumann in China 1833 und durch die Sinica-Sammlung des Italieners Onorato Martucci bedeutende Erweiterungen. Dies führte, zusammen mit dem Altbestand an orientalischer Literatur aus der Sammlung Widmanstetter, die Bibliothek in die kleine Gruppe der wichtigen Zentren für die Orientforschung in Europa.
 
Auch die  Musiksammlung wuchs im 19. Jahrhundet beträchtlich. 1857 konnte die Sammlung des Heidelberger Musiktheoretikers Anton Friedrich Justus Thibaut erworben werden. Die Zahl der Musikhandschriften stieg von 600 auf mehr als 5.000.
Der allgemeine Bestandsaufbau fiel angesichts der stark expandierenden Buchproduktion und gleichzeitig sinkender Ressourcen am Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Das Erwerbungsspektrum reduzierte sich auf die Geisteswissenschaften. Literatur zu den Naturwissenschaften, zur Medizin und Technik wurde nur noch in grundlegender Auswahl und in Form von Zeitschriften gekauft. Zwar erreichte die Bibliothek um 1900 die Grenze von einer Million Bänden, dennoch wurde sie von der  Königlichen Bibliothek zu Berlin überflügelt. Bis 1939 spielten diese beiden Bibliotheken eine überregional tragende Rolle. In München gelang es in dieser Zeit, den Erwerb  slawischer Literatur, der im 19. Jahrhundert aufgenommen worden war, zu intensivieren. Gleiches gilt für Bücher aus  Ostasien, die der Sinologe und spätere Generaldirektor der Staatsbibliothek Georg Reismüller 1928/29 auf einer Chinareise erwarb. Er vermehrte diesen Bestand von 18.000 auf über 30.000 Bände.
 
Die Zeit des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg engten die Erwerbsmöglichkeiten gravierend ein. Die dunkelste Phase der Geschichte der Bibliothek kam jedoch mit den Zerstörungen zwischen 1943 und 1945. Durch rechtzeitige Verlagerung 1940 gelang es zwar, die Handschriften und wertvollsten Drucke zu retten. Die übrigen Bestände aber blieben im Haus. So konnte es geschehen, dass insgesamt nahezu 500.000 Bände oder ein Viertel des Bestandes Bombenangriffen zum Opfer fielen. Aufgrund der systematischen Aufstellung gingen ganze Sachgebiete verloren: Theologie einschließlich der bedeutenden Bibelsammlung, kunstgeschichtliche Literatur, historisch-geographisches Schrifttum, Altertumskunde, Akademieschriften, Reisebeschreibungen und Dissertationen. Erst nach diesen schweren Verlusten wurden die Bestände an 28 oberbayerische Bergungsorte ausgelagert.
 
Bis heute konnte nur ein Drittel der im Krieg verbrannten Bücher wiederbeschafft werden. Nachkauf ausländischer Literatur aus den Kriegsjahren und systematischer Bestandsaufbau aus der laufenden Buchproduktion erreichten erst in den 50er Jahren ein nennenswertes Volumen. Seit 1963 stieg der Etat deutlich an und überschritt bald die Grenze von zwei Millionen DM. Nun war es wieder möglich, der alten Tradition entsprechend, Naturwissenschaften und Medizin angemessen zu berücksichtigen. Es gelang in dieser Phase, für die laufenden Erscheinungsjahre den größten und fachlich umfassendsten Bestand an wissenschaftlicher Literatur im deutschsprachigen Raum aufzubauen.